Karin Schiller

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Mit dem Rucksack durch den Balkan – Mit dem Nachtbus von Podgorica nach Sarajevo

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Podgorica bei Nacht

Podgorica bei Nacht

Am Abend verlassen wir den Marktplatz von Podgorica

Am Abend verlassen wir den Marktplatz von Podgorica

Als wir um neun Uhr zum Busbahnhof zurück gehen, haben wir keine Ahnung, dass wir instinktiv das Richtige tun. Die Gepäckaufbewahrung schließt nämlich um 22:oo Uhr und wir kommen gerade noch rechtzeitig um unsere Rucksäcke abzuholen. Nur zehn Minuten später und wir hätten bis morgen warten müssen. Puhh…nochmal Glück gehabt!

Podgorica Bus-Station

Podgorica Bus-Station

Wir müssen aber noch bis 23:40 Uhr auf unseren Bus nach Sarajevo warten. In dieser Zeit lernen wir den Bahnhof kennen. Es geht hier zu wie in einem Taubenschlag: Im 10-Minutentakt kommen Busse an oder fahren ab, ein unaufhörliches Kommen und Gehen durch die klackenden Drehtürschranken. Dann endlich hält auch unser Bus und wir dürfen ebenfalls mit einem Klack-Klack durch diese Schranke hinausgehen.

Bust-Station Warteraum

Bus-Station Warteraum

Im vollbesetzten Bus ergattern wir die beiden letzten Plätze auf dem Rücksitz . Es ist eng und stickig, niemand beachtet uns, jeder kümmert sich um sich selbst. Rasch verlassen wir die Stadt in die Berge – es wird stockdunkel in unserem Gefährt.

Route von Podgorica nach Sarajevo

Nun beginnt eine unruhige Reise durch das Gebirge. Unser Bus erklimmt Höhen und Tiefen, indem er sich auf Serpentinen hinauf- und hinabschraubt. Es ist gut, dass es dunkel ist und wir ganz hinten sitzen. So können wir nicht sehen, wo wir fahren. Es würde uns die Haare zu Berge stehen lassen. Ab und zu schlagen Äste gegen die Fenster, die Stoßdämpfer kommen an ihre Grenzen. Wir setzen hart auf oder werden auf unserer Pritsche wie auf einem Katapult in die Luft geschleudert. Oft haben wir das Gefühl, über Waldwege und Baumwurzeln zu fahren.  Der Busfahrer muss entweder ein Held oder ein Verrückter sein. Für mich ist er ein Wahnsinnsfahrer…unwillkürlich kommt mir der “Knightbus” aus Harry Potter in den Sinn.

Unser "KNightbus"

Harry Potter’s “KNightbus”

Die Mitreisenden scheinen davon allerdings nichts mitzubekommen. Ihre Köpfe in den Nacken oder an die Fensterscheiben gelehnt, schlummern sie friedlich den Schlaf der Gerechten. Schaukeln wie in einer Wiege mit den Fahrtbewegungen hin und her. Auch mein Freund hat seinen Kopf auf meinen Schoß gekuschelt und schnarcht vor sich hin. Beneidenswert diese Gelassenheit! Auch ich versuche mich zu entspannen und wenigstens ein bisschen zu schlafen, aber finde wegen der Enge keine angenehme Position – so bleibe ich stocksteif sitzen und beobachte weiter. Irgendwann muss ich aber doch eingeschlafen sein, denn ich werde wach, als wir an der Grenze halten und man unsere Pässe einsammelt.

Auch nach dem Passieren der Grenze zu Bosnien-Herzegowina hört es nicht auf mit dem Gebirge. Sarajevo liegt in einem Kessel, von Bergen umgeben. Der Bus muss sich noch viele Male hinauf und hinabquälen, bis wir unser Ziel erreicht haben. Ganz langsam wird es hell. Wir passieren die Vorstädte von Sarajevo. Die Zivilisation hat uns wieder. Nach achtstündiger Fahrt über Buckelpisten erreichen wir den Zentral-Busbahnhof von Sarajevo. Durchgeschüttelt und schlaftrunken verlassen die Reisenden den Bus – fahl wie Gespenster – und verschwinden in alle Richtungen. Wir haben mit niemandem gesprochen. Im Nachtbus lernt man nur sich selbst kennen.

Heil aber total erschöpft sind wir in Sarajevo angekommen und haben keinen Plan, wo wir uns befinden. Wir wissen nicht, wie weit es bis in’s Stadtinnere ist – ob wir überhaupt zu Fuß gehen können, geschweige denn, in welche Richtung wir gehen müssen. Bis jetzt haben wir noch niemanden fragen können. Mutig schlagen wir einfach einen Weg ein und gehen beherzt ein paar hundert Meter los. Aber bald wird uns klar, dass wir auf diese Weise den ganzen Tag brauchen werden. Wir sind aber müde und brauchen dringend eine Dusche und ein Bett.

Aus einem der Hochhäuser kommt uns ein Junge entgegen, den wir fragen können. Wir zeigen ihm unsere Karte und den Ort: die “Başçarşija”, wo wir hin wollen. Er schüttelt nur den Kopf und meint, dass wir davon noch sehr weit entfernt seien. Wir sollen ihm folgen. Also folgen wir ihm. Nach einer Weile fragt mein Freund ihn, ob wir denn nun zu Fuß dorthin gingen. Er sagt: “Nein, aber es gibt einen Bus dorthin. Ich nehme den selben Bus zur Universität” Wir sagen: “Aber wir haben noch kein Geld getauscht und nur Euros.” Da sagt der Junge: “Das macht nichts, ich kann für Euch mit bezahlen.”

Wir schauen uns an und sind zutiefst erstaunt aber auch beschämt. Mein Freund sagt: “Nein, das können wir nicht annehmen. Wir können uns ein Taxi besorgen.” Der Junge bringt uns dann an eine Straße und hält das nächste Taxi an. Es ist aber schon besetzt. Er erklärt dem Fahrer, wo wir hin müssen und dieser ruft uns per Funk ein neues Taxi. Erst als wir sicher in unserem Taxi sitzen, verabschiedet sich der Junge von uns und geht weiter zu seiner Bushaltestelle. So viel Hilfsbereitschaft haben wir nicht erwartet. Selbst mein türkischer Freund, der mir immer stolz von der türkischen Gastfreundschaft vorschwärmt, ist davon sehr beeindruckt. 4922558-Sarajevo_Taxi_Sarajevo

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9 Comments

  1. Raoul Alexandersson Bloggar igen says:

    Always the same pleasure to read when you paint descriptions and events with text. You must be a very good story printers mean that they read more and nogrant what you write can never be wrong!, I’m waiting 🙂
    Great Blog dear Karin. Novell on approaches

  2. Thank you my dear 🙂 I feel honored.

  3. Raoul Alexandersson Bloggar igen says:

    Hier, kein Feuer erstes tauchen wir, keine Neoprenanzug. Feuer gelöscht HA! 🙂

  4. Hallunke666 says:

    Wir sind letzten Sommer genau die selbe Strecke mit dem Bus gefahren, allerdings in die andere Richtung. Wir sind bei Tag gefahren, da ist die Fahrt mit ca. 6 Stunden etwas kürzer. Und bei Tageslicht kann man diese wirklich wunderschöne Strecke auch voll genießen. Richtig krass(also von den Straßenverhältnissen her) sind nur 15km, nämlich die letzten 15km auf bosnischer Seite vor der Grenze.Hier ist die Straße sehr eng(Autos müssen immer ausweichen), und teilweise nicht asphaltiert, Leitschienen oder ähnliches gibt es nicht, neben Dir geht es in die Tiefe, die Straße geht einer Schlucht entlang. Engegenkommende Autos haben fast die Nerven weggeschmissen, also sie uns(also den Bus) entgegenkommen sahen. Dabei waren in dieser Fahrtricht wir, die auf der Schluchtseite fuhren… Ab der Grenze(also ab Montenegro) wird die Straße mit einem Schlag deutlich besser: Zwar noch immer bergig(klaro, man fährt ja die ganze Zeit durchs Gebirge), aber die Straße ist ab nun gut ausgebaut. Auf jeden Fall ist es eine extrem schöne Reise(und auf einer Länge von 15km auch sehr spannend….)

  5. Hallo Hllunke666, danke für den Kommentar eines “Sehenden” 🙂
    Da haben wir uns wohl atemberaubende Naturschönheiten entgehen lassen.
    Schade!
    Aber trotzdem war es eine Wahnsinnsfahrt…. und mit meiner Vermutung, dass wir über Stock und Stein gefahren sind, lag ich wohl richtig.
    Vielleicht auch ganz gut, dass wir nicht alles erkennen konnten ……… das Grauen am Abgrund…waaaaaaaaaaahhhhh :O !!! 🙂

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